Gutar Irin - Kapitel 05 - Zitadelle

Shownotes

Eine Festung entsteht…

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00:00:00: Kapitel V. Zitadelle, August XXIII.

00:00:03: Januar, Neuntausend Einhundertvierundsiebzig vor Christi Geburt Jahr vierzig Tag Zehn.

00:00:10: Heute wurde der Grundstein für die Zitadel in die vulkanische Erde von Agis gerammt.

00:00:15: Die großflächigen Erdarbeiten haben begonnen.

00:00:18: Hunderte Arbeiter heben nun die tiefen Gräben Für die Fundamente der äußeren Ringmauer aus.

00:00:24: Damit nimmt die leuchtende Vision meiner Nächte endlich Gestalt an.

00:00:28: Gleichzeitig – und dies ist bei solch gewaltigen Bauprojekten eine durchaus berechenbare soziale Variable, mehren sich die aufrührerischen Stimmen im Volk.

00:00:38: Die zusätzlichen Schichten und die massive Abzweigung von Ressourcen für die Zitadelle fordern ihren Tribut.

00:00:44: Es is das dumpfe ermüdende Gemurre der Undankbaren.

00:00:48: Jener Kurzsichtigen, die den wahren Übergeordneten sind unserer Führung niemals begreifen werden.

00:00:55: Sie sehen lediglich den Schweiß des heutigen Tages und nicht das Unsterbliche Reich von morgen.

00:01:00: Selin hat die veränderte Stimmung in der Bevölkerung sofort registriert!

00:01:05: Es ist faszinierend, ohne dass ich auch nur ein einziges Wort der Sorge äußern oder einen Befehl hätte erteilen müssen, trat sie heute Morgen an meine Seite.

00:01:15: Mit jenem ruhigen unerbittlichen Lächeln versicherte sie mir, daß sie sich persönlich um diese Unruhe stifter kümmern

00:01:22: werde.".

00:01:23: Ihre kalte Entschlossenheit ist zutiefst bewundernswert.

00:01:26: Sie lässt sich von keinerlei Emotionen aufhalten!

00:01:29: Sie hat die Logik der Macht vollkommen verinnerlicht und erkennt, dass ein Tumor, der im Körper der Gesellschaft zu wachsen beginnt weder mit Medikamenten noch mit gütigen Worten behandelt werden kann.

00:01:41: Er muss mit einem scharfen präzisen Schnitt restlos herausoperiert werden bevor er metastasiert und das gesamte System vergiftet.

00:01:49: Ich überlasse ihr das Skalpell.

00:01:52: Jahr vierzig, Tag fünfundneunzig.

00:01:55: Die Säuberungsaktion, welche Selin in der vergangenen Nacht mit chirurgischer Präzision einleitete, erwies sich als großer strategischer Erfolg.

00:02:05: Es kam zu keinem offenen Kampf in den Straßen.

00:02:08: Stattdessen erfolgte die restlose Entfernung eines wuchenden Tumors.

00:02:13: Unter ihrem persönlichen Kommando schwärmte die Schutztruppe aus und identifizierte die Brudstätten des Ungehorsams.

00:02:20: Etwa dreihundert Rädelsführer und Hetzer wurden in vollkommener Lautlosigkeit aus ihren Quartieren geholt.

00:02:27: Jener Abschaum, der es in seiner Kurzsichtigkeit wagte die notwendige Einheit der Aguren und den Bau der Zitadelle zu untergraben wurde unverzüglich seiner gerechten und finalen Strafe zugeführt.

00:02:39: Heute im fahlen Licht des Morgens hingen ihre Leichnahme an dem massiven Holzmauern unserer Stadt.

00:02:46: Zur Abschreckung habe ich das Dekret erlassen dass die Körper zehn Tage lang dort verbleiben müssen.

00:02:52: Möge ihr Anblick jedem einzelnen Bürger, der auch nur im Verborgenen mit ähnlichen zersetzenden Gedanken spielt eine unmissverständliche Warnung sein?

00:03:02: Die Ordnung ist nun wiederhergestellt!

00:03:05: Die Autorität des Rates wurde nicht bloß diskutiert – sie wurde mit zwingender Klarheit demonstriert.

00:03:11: Manchmal ist eine offene berechnete Grausamkeit die einzige Sprache welche Verräter verstehen.

00:03:19: Ja, vierzig.

00:03:20: Tag, einhundert drei Die Leichen an den Mauern verrotten im feuchtwarmen Klima von Agis Der süßliche Gestank des Todes welcher mit dem Wind durch die Straßen unserer Hauptstadt getragen wird ist beinahe unerträglich doch er erfüllt seinen Zweck.

00:03:37: Wenn ich vom Regierungsgebäude auf die Wege hinabblicke sehe ich wie die Menschen nur noch mit stark gesenktem Blick an den Wellen vorübergehen.

00:03:45: Sie flüstern nicht mehr sie blicken nicht mehr auf.

00:03:48: Sie haben endgültig begriffen, dass jeder Widerstand gegen unsere Herrschaft vollkommen zwecklos ist.

00:03:54: Selin stand heute Morgen neben mir am Fenster, ihr Gesicht völlig unberührt von diesem grauenhaften Anblick.

00:04:01: Ein Volk das sich fürchtet, isst ein Volk, das gehorcht – Guta!

00:04:06: sagte sie mit jener pragmatischen Kühle die mich jeden Tag aufs Neue fasziniert.

00:04:11: In diesen stillen Momenten wenn der Verwesungsgeruch bis in meine eigenen Gemächer kriegt frage ich mich bisweilen, ob wir überhaupt noch Menschen sind.

00:04:20: Oder ob die vierzig Jahre und das genetische Feuer in unseren Adern uns endgültig zu Monstern geformt haben, die keine andere Sprache als die der Grausamkeit verstehen?

00:04:30: Doch genau dann, wenn dieser winzige Riss des Zweifels in mir entsteht, greifen die rettenden Visionen ein!

00:04:37: Die vertraute Stimme halt in meinem Verstand wieder laut, unnachgiebig und

00:04:42: fordernd.".

00:04:43: Sie gemahnt mich daran, dass dies der einzig gangbare Weg ist.

00:04:47: Dass das Universum keinerlei Schwäche verzeiht!

00:04:50: Sie flüstert mir zu, dass wir unerbittlich stark sein müssen um auf dieser feindseligen Welt zu bestehen und dass wir unsere eigenen Gefühle ausbrennen müssen um eines fernen Tages als Herrscher zurückzukehren.

00:05:03: Also lasse ich die Leichen an den Mauern hängen Und ich warte.

00:05:08: Jahr vierzig Tag einhundert fünf.

00:05:11: Die Ruhe ist in unsere Straßen zurückgekehrt.

00:05:14: Der Abschaum, welcher es wagte gegen die notwendige Ordnung aufzubegehren wurde beseitigt und die Aguren können sich nun wieder ihrem produktiven Wirken widmen stets im Schatten jener Lehrreichen Stummen Mahnmalen an den Stadtmauern.

00:05:29: Die Furcht hat den Gehorsam wiederhergestellt doch furcht allein stellt keinen ökonomischen Faktor dar.

00:05:36: Meine Weise Selin hat diesen Umstand erkannt und heute einen brillanten legislativen Gesetzesvorschlag eingebracht, welchen der hohe Rat wenig überraschend sofort-und einstimmig billigte.

00:05:48: Ab sofort können verurteilte Straftäter, Saboteure und Verräter in einen neuen permanenten Status der Unfreiheit versetzt werden.

00:05:57: Durch dieses Dekret verlieren sie ihren gesamten Besitz sowie sämtliche bürgerlichen Rechte.

00:06:02: Als Leib eigene werden sie den verdienten Mitgliedern des Hohen Rates und in loyalen Offizieren der Schutztruppe für notwendige Arbeiten zugeteilt.

00:06:11: Mein Verstand bewundert die architektonische Kühle dieses Gesetzes.

00:06:16: Es löst zwei grundlegende Probleme gleichzeitig, es dient als Abschreckung für jeden potentiellen Aufrührer und stellt zugleich eine Nutzung jener menschlichen Ressource dar, die ansonsten völlig nutzlos in dunklen Gefängnissen verrotten würde.

00:06:30: Anstatt wertvolle Nahrung an Gefangene zu verschwenden, zwingen wir diese Verbrecher nun dazu einen Beitrag für den Aufbau unserer Gemeinschaft zu erbringen.

00:06:39: Selin's Klugheit und Weisheit sind bewundernswert!

00:06:43: Ja, fünfundvierzig Tag eins Ein halbes Jahrzehnt ist vergangen Die Zitadelle wächst Stein um Stein aus dem vulkanischen Boden von Agis Empor.

00:06:55: Sie isst längst kein bloßes Gebäude mehr.

00:06:58: Sie ist das steinerne Monument unserer Unerschütterlichkeit.

00:07:02: Die inneren Mauern ragen bereits hoch und abweisend in den türkisfarbenen Himmel, Doch sie erwies sich als unverzichtbar.

00:07:31: Neid, Zweifel und die absurde Sehnsucht nach Gleichheit sind wie toxisches Unkraut!

00:07:36: Man muss es mit samt den Wurzeln ausreißen bevor es die gesamte Ernte vernichtet.

00:07:41: Selin hat die damaligen Prozesse sowie die Zuteilung der Unfreihen geleitet Und ihre funktionale Kälte ist nach wie vor zutiefst bewundernswert.

00:07:50: Während in mir noch die lodernde archaische Wut meiner Ahnen pulsiert sieht sie in der Bestrafung ausschließlich ein zweckmäßiges Mittel, um das Volk der Aguren zu führen.

00:08:01: Das Serum der Ortis hält unsere Körper in vollkommener unveränderlicher Jugend doch ich spüre wie es uns zunehmend von der Masse isoliert.

00:08:10: Wenn die sterblichen Mitglieder des Rates uns heute anblicken sind ihre Augen nicht mehr nur ehrfürchtig Sie sind von Furcht erfüllt!

00:08:24: Das ist gut so, denn diese Distanz gewährt uns Schutz.

00:08:28: In der vergangenen Nacht unterbrach eine neue, gewaltige Vision meinen Schlaf.

00:08:33: Ich sah die roten Keile der Baschur vor mir!

00:08:37: Doch sie griff nicht an – ihre Kommandanten knieten im Staub von meinem Thron, während ihr gesamtes blutiges Imperium in schwellenden Trümmern lag, zerschmettert von den stehlernen Flotten der

00:08:47: Aguren.".

00:08:48: Mein Verstand analysiert diese Bilder nicht mehr als bloßen Wunsch oder als Nebenwirkung des Serums.

00:09:16: ein monumentaler Wendepunkt für unsere Zivilisation.

00:09:22: Die Zitadelle ist vollendet!

00:09:24: Was einst als leuchtende Vision in meinem durch das Serum befeuerten Geist begann, ragt nun als unbezwingbare Realität aus dem Boden von Argus Empor.

00:09:34: Selin und ich haben heute Morgen bei Sonnenaufgang unseren neuen abgeriegelten Gemächer im innersten Kern dieser Festung bezogen.

00:09:43: Der hohe Rat und die Offiziere der schwarzen Schutztruppe sind uns gefolgt, und haben jene Ringe-und Sektoren der Anlage eingenommen, die ich für sie vorgesehen hatte.

00:09:52: Als die schweren, Eisen beschlagenen Holztore des äußeren Ringwalds heute Mittag mit einem ohrenbetäubenden Knall in Schloss fielen wurde unsere Trennung vom einfachen Volk endgültig manifestiert.

00:10:04: Wir wandeln nicht länger unter den Sterblichen – der Befehl der Vorsehung wurde erfüllt.

00:10:10: Wir blicken nun von den hohen Türmen auf die wachsende Welt hinab, unantastbar und ewig.

00:10:16: Natürlich sind wir nicht so blind das Zentrum unserer Industrie schutzlos zurückzulassen!

00:10:22: Eine starke schwer bewaffnete Garnison verbleibt dauerhaft in Selinstadt um die Quoten zu überwachen und die Ordnung unter den Arbeitern und den Unfreien aufrechtzuerhalten.

00:10:32: Die Truppen in der Stadt werden in einem Zehntage-Rhythmus exakt unseren neuen Kalender folgend zurück in die Zitadelle rotiert.

00:10:40: Dieses Vorgehen ist brillant!

00:10:43: Es garantiert nicht nur die höchste körperliche Effizienz der Soldaten, sondern verhindert vor allem dass eine zu tiefe emotionale Bindung oder gar schädliche Sympathie zwischen der Schutztruppe und der Hauptbevölkerung entsteht.

00:11:01: Eine weitere entscheidende Errungenschaft muss sich im heutigen Protokoll festhalten.

00:11:06: Unseren Spätrupps ist es nach monatelanger Vorbereitung gelungen, eines der schnellen einheimischen Tiere dieser Welt nicht nur einzufangen sondern vollständig zu brechen und zu zähmen.

00:11:17: Diese muskulösen Kreaturen bieten uns einen bemerkenswerten Beinahe unglaublichen Geschwindigkeitsvorteil Der die weiten Distanzen zwischen der Hauptstadt den neuen Bauerndörfern und der Zitadelle drastisch verkürzt.

00:11:30: Ich habe jedoch sofort ein Dekret erlassen.

00:11:32: Das Reiten und die Zucht dieser Tiere bleiben ausnahmslos der Schutztruppe vorbehalten.

00:11:38: In den Händen des einfachen Volkes wäre diese gesteigerte Mobilität ein unkalkulierbares Risiko, ein potenzielles Werkzeug für organisierte Unruhe über große Distanzen oder für die Flucht von Leib eigenen in den unerforschten Dschungel.

00:11:51: So aber streng monopolisiert wird das Tier zu einem Instrument unserer Kontrolle.

00:11:57: Wenn die schwarze Schutztruppe auf diesen Bestien am Horizont auftaucht, wird jeder Agur so fortbegreifen dass es vor dem Willen des hohen Rates kein Entkommen gibt.

00:12:07: Ja, ein Hundertzehn Tag vierunddreißig Selin schläft.

00:12:13: Ich stehe im Halbdunkel unsere Schlaf gemacht und beobachte sie wie ich es in letzter Zeit oft tue wenn die nächtliche Stille der Zitadelle von einer derart erdrückenden Schwere ist das sich meinen eigenen Herzschlag in den Ohren zu hören glaube.

00:12:26: Das kalte Licht der frühen Morgensonne fällt durch die schmalen Fenster auf ihr Gesicht und zum tausendsten Mal sehe ich das Unbegreifliche, es hat sich nicht verändert.

00:12:36: Nicht im Geringsten!

00:12:38: Keine einzige Falte – nicht der feinste Schatten einer Linie Zeugen von den Hundertzehnagesjahren, die über uns hinweggegangen sind.

00:12:46: Sie ruht dort wie eine perfekte aus Marmor gemeißelte Statue dauerhaft eingefroren in der Blüte ihrer Jugend.

00:12:54: Und manchmal, in Momenten wie diesen überkommt mich eine unerklärliche Furcht vor dem was wir geworden sind.

00:13:02: Wir sind die Letzten unserer Art!

00:13:04: Nicht die letzten Menschen.

00:13:06: unsere Bevölkerung wächst und gedeiht unter unserer harten Hand aber wir sind die absolut Letzte die sich noch wahrhaft erinnern.

00:13:13: Vor wenigen Tagen starb Higur Gelssen der ehemalige zweite später dritte Rat der mir und Selin einst soloyal gedient und seinen Platz für sie geräumt hatte.

00:13:25: Er war ein Greis geworden, Der älteste sterbliche Mensch den ich kannte, Einhundertdreißigages Jahre alt.

00:13:32: Zuletzt war er zerbrechlich wie Morsches Holz.

00:13:34: Seine Augen waren blind vom Star Und sein Geist gehörte schon seit über einem Jahrzehnt nicht mehr ihm selbst.

00:13:41: Sein Tod war keine Tragödie Sondern eine Erlösung.

00:13:45: Bei der öffentlichen Beerdigung standen wir, Selin und Ich unbeweglich unter einem schwarzen Baldach hin.

00:13:52: Als wir an der aufgereiten Menge vor Beischritten, knieten die Menschen nieder.

00:13:57: Ich beobachtete ihre Gesichter!

00:14:00: Sie weinten nicht um Higur Gelsen – sie hatten den alten Mann längst vergessen.

00:14:05: Sie starten ausschließlich uns an.

00:14:08: In ihren Blicken lag keine Trauer sondern ein ehrfürchtiges Entsetzen.

00:14:13: Wenn sie in unsere jungen Gesichter blicken sehen sie keine Herrscher mehr.

00:14:18: Sie beten uns an, wie primitive Völker einen unerbittlichen grausamen Gott anbeten.

00:14:24: Wir sind zu einer lebenden Legende geworden und Legenden besitzen keine Freunde!

00:14:30: Die Mitglieder des Hohen Rates, die uns heute in den Versammlungen umgeben, sind die Kinder Enkel-und Urenkel derer, die einst mit uns auf den Schiffen der Ortis kamen.

00:14:40: Sie gehorchen jede meiner Befehle aber sie verstehen sie nicht mehr.

00:14:46: was es bedeutet, die Heimat mit eigenen Augen gesehen zu haben?

00:14:50: kein Mythos aus dem Schulunterricht sondern ein Ort an dem man lebte um später die göttliche blau-weiße Kugel in ihrer gesamten Schönheit zu erschauen.

00:15:00: Sie kennen das verräterische Volk der Ortis und die roten Keile der Baschur nur noch aus meinen Reden als wären es archaische Märchen von bösen Geistern und fernen Dämonen.

00:15:10: Manchmal im Gespräch mit Selin erwische ich mich selbst dabei, wie ich eine Anekdote aus unserer Zeit in der Akademie oder der Flotte beginne und dann abrupt abbreche.

00:15:20: Der Kontext ist unwiderbringlich verloren!

00:15:24: Der lodernde Schmerz des Verrats – die wilde Wut, die eisene Entschlossenheit der ersten Jahre auf Agis all das ist in mir zu einem abstrakten Konzept verblasst.

00:15:34: Das Serum der Ortis erhält unsere Jugend aber es scheint den Preis zu fordern, die Erinnerung auszulaugen.

00:15:41: Meine Vergangenheit ist zu etwas glattpoliertem, emotionslosen geworden.

00:15:46: Einzig die Visionen, die mich in der Nacht heim suchen, besitzen noch eine rohe ungefilterte und brennende Intensität.

00:15:54: Sie sind mein letzter Anker – mein einziger Kompass in einem endlosen, dunkeln Meer der inneren Gleichgültigkeit.

00:16:02: Selin scheint dies weit besser zu ertragen als ich!

00:16:05: Sie hat sich mit jeder Faser ihres genialen Verstandes in die Verwaltung die Kontrolle und den Aufbau unserer Zivilisation verbissen.

00:16:14: Für sie ist Agis längst kein Exil mehr, es ist ihre Leinwand auf der sie ihre Macht- und ihre Genialität verewigen kann.

00:16:22: Sie spricht von sich aus niemehr von der alten Heimat – es sei denn ich zwinge ihr das Thema auf!

00:16:28: Hat sie die Sehnsucht aufgegeben?

00:16:31: Oder ist sie einfach nur pragmatisch?

00:16:34: Sieht sie vielleicht exakt dass was sich in meinen dunkelsten Momenten befürchte, dass wir hier hinter den massiven Wellen dieser steinernen Festung zu etwas mutiert sind das weder Mensch noch Gott ist.

00:16:46: Ein unsterbliches Relikt, das seine eigene ursprüngliche Bestimmung vergessen hat!

00:16:52: Doch dann drängt sich die Vision wieder in mein Bewusstsein lauter und befehlender denn je – Die Rückkehr Das stählerne Reich der Menschheit.

00:17:01: Diese Prophezeiung is' der helle Funke, der noch Wärme spendet.

00:17:06: Ohne dieses Ziel wäre ich nichts weiter als ein wahnhafter Wächter, der über einen Volk von gehorsamen Fremden herrscht in der Erwartung eines Tages, der niemals kommen wird.

00:17:16: Ich muss an die Prophezeiungen glauben!

00:17:19: Ich muss die Flotte bauen lassen – auch wenn es Jahrtausende dauert.

00:17:23: Denn wenn ich diesen Plan verwerfe, dann war alles die Grausamkeit meiner Herrschaft, die Leichen an den Mauern, die Isolation der Zitadelle und sogar meine Bindung zu Selin nix als sein sinnloses

00:17:34: Schauspiel.".

00:17:35: Aufgeführt auf einem bedeutungslosen Staubkorn in einer Ecke eines gleichgültigen Universums.

00:17:41: Ja, Einhundertzehn Tag, Fünfunddreißig – Aufzeichnungen von Selin Heder Zweiter Rat.

00:17:48: Gutasch lebt nicht mehr.

00:17:50: Die biologische Notwendigkeit zur physischen Erholung scheint durch das orthisische Serum in seinen Adern fast vollständig aufgehoben zu sein Doch sein Verstand zahlt nun den Preis dafür.

00:18:01: Er verharrt mittlerweile stundenlang völlig unbeweglich am schmalen Fenster unserer Gemächer und start hinaus in die absolute Dunkelheit von Agis.

00:18:10: Dabei blickt er nicht auf unsere funktionierende Zivilisation, er fixiert ausschließlich den leeren Himmel als würde er dort etwas erwarten.

00:18:19: Manchmal wenn die Nacht am tiefsten ist unter mich schlafend wähnt beginnt der zu flüstern.

00:18:25: Er führt leise getriebene Gespräche mit einer Präsenz, die im Raum gar nicht existiert.

00:18:31: Selbstverständlich tue ich so, als bemerkte ich diese Anomalien nicht.

00:18:36: Ihn direkt mit seinem offensichtlichen schleichenden Warn zu konfrontieren wäre ineffizient und könnte eine unberechenbare Reaktion auslösen.

00:18:45: Seine gottgleiche Aura als erster Rat muss für die Stabilität des Volkes zwingend unern getastet bleiben.

00:18:52: Wenn die Fassade bröckelt – ob liegt es mir?

00:18:54: Die Risse im Hintergrund lautlos zu kitten!

00:18:57: Ich glaube nicht an mythische Prophezeiungen oder eine göttliche Vorsehung, von der er so besessen ist.

00:19:04: Alles im Universum beruht auf Ursache und Wirkung!

00:19:07: Aus diesem Grund habe ich heute Morgen im Verborgenen den Befehl erteilt die tiefsten Ebenen unserer Archive und die letzten funktionierenden Datenspeicher der Ortes zu durchsuchen.

00:19:23: Nach jeglicher technologischen oder biologischen Anomalie, die mir rational erklärt, wer oder was ihn diese befehlenden Visionen tatsächlich in den Verstand zlanzt.

00:19:35: Handelt es sich um eine psychologische zeitverzögerte Waffe der Ortis?

00:19:40: Oder verbirgt sich in der komplexen Matrix des Serums etwas Weitaus älteres und dunkleres das nun auch über einem Jahrhundert die Kontrolle über sein Bewusstsein übernimmt?

00:19:50: Als Realistin weiß ich genau, dass die schwachen Geister unserer Archivare nichts finden werden.

00:19:56: Sie verfügen weder über den Intellekt noch über die analytischen Instrumente um eine derart hochentwickelte Manipulation zu entschlüsseln.

00:20:04: Doch dieser Befehl erfüllt einen völlig anderen weit aus wichtigeren Zweck – sie werden reden!

00:20:10: Das geheimnisvolle reizt den primitiven menschlichen Verstand und gelehrte Neigen naturgemäß zum Flüstern.

00:20:17: Wenn das Gerücht erst einmal gezielt durch die eisigen Gänge der Zitadelle sickert, dass der zweite Rat nach dem Ursprung der göttlichen Visionen des ersten Rates forschen lässt, wird dies unweigerlich das Wasser aufwühlen.

00:20:30: Die Informanten meiner Schutztruppe sind bereits instruiert – sie werden genau hinhören wie diese Mutmaßungen in den Schatten diskutiert werden!

00:20:39: Wie die Menschen auf diese kontrollierte Indiskretion reagieren, wird mir wie ein chemischer Indikator präzise verraten, wer in den Reihen des hohen Rates und unter unseren Offizieren bedingungslos loyal ist.

00:20:52: Und wer bereits insgeheim beginnt, Schwäche zu widdern und an Guitars-und Fehlbarkeit zu zweifeln!

00:20:58: Ein Netz wird nicht ausgeworfen um das Wasser zu analysieren – es wird ausgeworfene, um zu sehen, wer darin zappelt.

00:21:10: Dreihundert Jahre auf Argis.

00:21:12: Ein Zeitraum, der den Verstand jedes gewöhnlichen Menschen sprengen würde.

00:21:17: Dreifolle Jahrhunderte in denen meine Frau Selin und ich Zeugen eines stetigen biologischen Kreislaufs wurden.

00:21:24: Geburt, kurzes Aufblühen, rascher Verfall und der unausweichliche Tod.

00:21:29: Wir haben uns längst daran gewöhnt die Gesichter um uns herum wie flüchtige Jahreszeiten welken und im nichts verschwinden zu sehen.

00:21:37: Die aktuellen Mitglieder des Hohen Rates und die Offiziere der schwarzen Schutztruppe, die uns heute in der Zitadelle umgeben sind bloße Echoes ihrer längst vergessenen Ahnen.

00:21:47: In unserer Gegenwart hüllen sie sich in eine Haltung eisiger bedingungsloser Ehrfurcht!

00:21:53: Doch wenn Sie glauben – ich sehe nicht hin – spüre ich die nackte Angst hinter Ihren Blicken.

00:21:59: Es ist die Furcht der Eintagsfliege vor dem ewigen, die furcht vor dem was wir geworden sind.

00:22:05: Draußen, jenseits der massiven Ringmauern hat sich dieser Stumme schrecken über die unzähligen Generationen hinweg in Blinde abergläubische Verehrung verwandelt.

00:22:15: Das Volk der Aguren sieht in uns längst keine ersten Räte oder militärischen Befehlshaber mehr.

00:22:21: Für die Massen sind wir unsterbliche Wesen geworden – Götter aus Fleisch, Blut und ewigem Leben.

00:22:28: An den Plätzen von Selinstadt und in den Trabantendörfern haben sie Gedenkstätten aus Stein errichtet, um uns zuuldigen und bringen unaufgefordert Opfergaben dar, um unsere vermeintlich göttliche Gunst zu erbetteln.

00:22:41: Anstatt diesen Irrglauben durch Aufklärung zu korrigieren hat Selins kalte Logik ihn umgehend institutionalisiert.

00:22:49: Wir haben aus der intellektuellen Schwäche der Massen ein neues perfektes Werkzeug der Herrschaft geformt – ein offizielles Priesteramt.

00:22:57: Diese fanatischen Priester tragen unsere Dekrete als Unantastbare, göttliche Offenbarungen unter das Volk und treiben im Gegenzug Ressourcen und gaben weitaus effizienter ein, als es eine bewaffnete Wache je könnte.

00:23:10: Wir sind keine Götter!

00:23:12: Mein Verstand arbeitet nach wie vor in mathematischen Rastern.

00:23:16: Aber wir besitzen die ultimative absolute Macht über die Biologie und die Zeit selbst – und genau das macht uns für den Pöbel

00:23:24: unantastbar.".

00:23:25: Natürlich gab es in diesen dreihundert Jahren Aufstände, denn die menschliche Natur strebt zyklisch nach dem Chaos.

00:23:32: Immer wieder erhoben sich Verblendete, falsche Propheten und ehrgeizige Verbrecher, die unsere perfekte Ordnung nicht anerkennen wollten.

00:23:41: Jede einzelne dieser Rebellionen wurde von der Schutztruppe mit der notwendigen Härte im Keim erstickt.

00:23:47: Die Straßen wurden oft genug vom Abschaum gereinigt.

00:23:51: Die bloßen Zahlen bestätigen unseren logistischen Erfolg Das Volk ist auf Gewaltige ein Hundertzwanzigtausend Seelen angewachsen.

00:23:59: Das ist eine demografische Explosion und ein unwiderlegbarer Beweis für die Stabilität unserer Herrschaft.

00:24:06: Doch diese Stabilitet hat einen Preis gefordert, einen Preis der mich in den schlaflosen Nächten am Fenster der Zitadelle zutiefst und zunehmend beunruhigt.

00:24:15: Der technologische Fortschritt ist vollkommen zum Erliegen gekommen!

00:24:19: Unser großes, heiliges Ziel der Bau der stählernen Flotten und die gnadenlose Rückkehr in die irdische Heimat ist heute ferner denn am ersten Tag unserer Verbannung.

00:24:29: Ein Großteil des Wissens der Ortis – die Mathematik und Technologie – ist für immer verloren gegangen.

00:24:36: Es wurde schlichtweg vergessen in der primitiven Bequemlichkeit einer geistig stagnierenden Gesellschaft Die lieber vor uns niederkniet anstatt die Sterne zu studieren.

00:24:46: In meiner schonungslosen Analyse erkenne ich den Waren bitteren Grund dafür.

00:24:51: Es waren im Laufe der Jahrhunderte allzu oft genau die klügsten, die neugierigsten und die analytischsten unter uns, die den Mund zu weit aufmachten.

00:25:00: Es wahren die fähigsten Köpfe, welche kritische Fragen stellten, die Ordnung der Zitadelle in Zweifel zogen und deshalb ausgemerzt werden mussten.

00:25:08: Hier offenbart sich der fatale Paradoxefehler in meiner Gleichung.

00:25:13: In einem totalitären System, das auf der bedingungslosen Kontrolle über jeden Gedanken basiert wird intellektuelle Neugier unweigerlich zu einer türkischen Krankheit die geheilt werden muss.

00:25:24: Indem wir die Verräter vernichteten haben wir auch die Genies getötet.

00:25:29: Die Stille ,die Selin und ich über Agis gelegt haben erstickt auch den letzten Funken des technischen Fortschritts.

00:25:36: Es ist eine bittere Ironie.

00:25:38: Wir haben das Überleben unseres Volkes gesichert, aber wir haben uns damit die Sterne vielleicht für immer verschlossen.

00:25:52: In ihrer pathetischen unterwürfigen Sprache nennen sie es Die Anbetung der Unsterblichen.

00:26:02: Tausende warfen sich in den Staub und beteten mit erhobenen Händen zu dem Balkonennpor als wären Selin und ich leibhaftige Götter.

00:26:11: Selin stand völlig reglos neben mir am Fenster, doch ich sah das feine kalte Lächeln auf ihren Lippen.

00:26:17: Sie betrachtet diese bedingungslose Unterwerfung als ein effizientes Werkzeug und findet den Fanatismus der Massen zutiefst amüsant.

00:26:26: Ich hingegen empfinde beim Anblick dieser griechenden, intellektuell verkümmerten Masse nur eine abgrundtiefe Wiederwertigkeit.

00:26:34: Wir wollten einen Volk von eroberern schmieden Keine Herde von Sklaven.

00:26:39: Doch meine Logik zwingt mich dazu, dieses erniedrigende Schauspiel zuzulassen und gar zu fördern.

00:26:45: Die Wahrheit der Herrschaft ist unerbittlich simpel – ein Volk das im Staub liegt und seine Herrscher anbetet wird niemals die Waffen erheben um sie zu stürzen.

00:26:55: Zudem wird eine Masse, die blind an göttliche Magie glaubt, niemals nach der physikalischen und technologischen Wahrheit fragen Denn die ungeschminkte Wahrheit ist, dass keine Göttlichkeit durch unsere Adern fließt.

00:27:09: Wir sind keine himmlischen Wesen!

00:27:11: Wir sind lediglich zwei alte Seelen biologische Anomalien, die in einem stagnierenden System gefangen sind und durch das Serum der Ortis einfach viel zu lange gelebt haben Und während das Volk draußen im Schlamm zu uns betet brüllt das Universum in meinem Kopf.

00:27:27: Die Visionen der agurischen Flotte sind keine stillen Bilder mehr.

00:27:32: Sie werden mit jedem Zyklus lauter, zwingender und unerträglicher.

00:27:37: Es gibt keine Ruhe für Götter!

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