Gutar Irin - Kapitel 01 - Erinnerungen
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00:00:00: Kapitel I. Erinnerungen, neuntausend zweihundertdreißig vor Christi Geburt Erstes Gedächtnisprotokoll.
00:00:07: Mein Name ist Yaru.
00:00:09: Wenn ich die Finger meiner Hand ausstrecke sehe ich mein Alter.
00:00:12: Es sind fünf Sommer.
00:00:14: Ich bin erst fünf Doch meine Augen sehen mehr und mein Geist begreift tiefer als der anderen Kinder in unserem Dorf Tengri Am großen Fluss.
00:00:21: Ich sortiere meine Gedanken im meinem Kopf sowie wir die Körner in unseren Vorratskörben bewahren.
00:00:27: Jedes Wort findet seinen festen Platz.
00:00:29: Andere Kinder lassen ihre Gedanken einfach davon fliegen, als wären sie aufgeschreckte Vögel.
00:00:35: Mein Kopf jedoch leicht nass im Leben – was ich einmal hineindenke, gräbt sich ein, trocknet und bleibt bestehen.
00:00:41: Stillbilde ich Sätze, forme sie in der Dunkelheit meines Geistes und reihe sie aneinander wie die Knochenperlen einer unsichtbaren Kette.
00:00:49: Ich benötige keine eingeritzten Zeichen an den Wänden um das Gesehene zu bewahren.
00:00:54: Ich flüstere sie mir innerlich zu immer und immer wieder, bis sie unzerstörbar in dem weiten stillen Raum hinter meinen Augen ruhen.
00:01:04: So habe ich mir auch dies gemerkt – auf meinem Schoß liegt Elu!
00:01:07: Sie hat erst einen Sommer erlebt und sie weint oft.
00:01:10: Über sie zu wachen ist meine Aufgabe.
00:01:13: Meine Mutter, meine große Schwester Nala, sie zählt bereits elf Sommer und mein Bruder Taran, der neun Sommer alt ist, arbeiten unten am
00:01:20: Ufer.".
00:01:21: Mit Stöcken wühlen sie in der Weichen, feuchten Erde und betten die gesammelten Körner hinein damit neues Korn wachsen kann.
00:01:28: Manchmal binde ich mir Elu auf den Rücken und wandere zu ihnen auf die Felder.
00:01:32: Dann sitze ich auf einem warmen Stein während die Sonne auf uns niederbrennt Und erkläre der kleinen Elu warum wir die Erde aufbrechen.
00:01:39: Taran ist meist zornig wenn er graben muss.
00:01:42: Sein Blick wandert oft von der Furche hin zu den fernen Hügeln.
00:01:46: Er sehnt sich nach dem Tag, an dem er unserem Vater folgen darf um die gewaltigen Wildrinder und die flinkten Garzellen zu jagen.
00:01:53: Mein Vater heißt Kuru.
00:01:55: In jedem unserer runden Lehmhäuser ist sein Name bekannt.
00:01:58: Er isst ein großer Jäger-und Krieger.
00:02:00: Wenn Fremde kommen, angelockt von unseren vollen Kurben tritt der ihn mit dem Speer entgegen.
00:02:06: Wir besitzen viele Vorräte Getreide getrocknete Feigen und Fleisch und Meerziegen als ich Finger auf einer Hand habe.
00:02:13: Auch die Scharfen Schwarzen Steine aus den fernen Bergen lagern bei uns.
00:02:17: Das bedeutet, dass wir reich sind!
00:02:20: Wenn das Licht schwindet und die Gemeinschaft am großen Feuer zusammenkommt, spricht mein Vater.
00:02:25: Erhebt er seine Stimme, verstummen die anderen Männer.
00:02:28: Sein Wort ist der Pfad, dem das Dorf folgt.
00:02:31: Du fragst dich vielleicht, wer unser Schicksal bestimmt?
00:02:34: Es sind die Männer, die am mutigsten jagen, am klügsten reden und am meisten Nahrung verteilen können – Männer wie mein Vater oder die Ältesten, deren Gesichter von der Zeit gezeichnet.
00:02:44: Doch die mächtigsten unter ihnen sind die Steinschläger.
00:02:47: Der alte Bero ist einer von ihnen.
00:02:49: Er verbringt seine Tage im Schatten einer Zeder, erst bringt er den Feuerstein mit harten Schlagsteinen in Form dann drückt er mit einer spitzen Geweißprosse so lange feinste Splitter von den Rändern bis die Kanten des Feuersteines schärfer sind als die Zähne eines Wolfes.
00:03:03: Bero geht niemals auf die Jagd und er bügt sich nie auf den Feldern.
00:03:07: Dennoch bringen ihm alle das zarteste Fleisch und das süßeste Korn Denn ohne die scharfen Steine für den Speer wäre mein Vater auf der Jagd verloren und meine Mutter könnte die Ernte nicht schneiden.
00:03:17: In der Ferne sehe ich meine Mutter vom Feld zurückkehren.
00:03:20: Elu weint jetzt lauter, denn sie hat Hunger!
00:03:23: Zweites Gedächtnisprotokoll Der Mond ist nun schon zweimal voll und wieder unsichtbar geworden seit ich meine ersten Gedanken in meinem Kopf festgestampft habe.
00:03:32: Die Zeit fließt stetig wie der große Fluss doch die Bilder, die ich darin ablege bleiben unbeweglich.
00:03:38: Vor wenigen Tagen wurde unser Himmel plötzlich schwarz.
00:03:41: Es geschah am Nachmittag, als der heiße Wind aus der trockenen Wüste zu uns herüber wehte.
00:03:47: Jemand im Haus nebenan hatte die Glut der Feuerstelle nicht tief genug unter der Asche verborgen.
00:03:52: Ein einziger Funke genügte.
00:03:53: Er sprang auf das trockene Schilf und das Stroh des Daches über.
00:03:57: Das Feuer fraßt das Dach schneller Als ein hungriger Wolf ein Stück Fleisch verschlinkt.
00:04:02: Der Wind trug leuchtend rote Flocken wie böse Vögel auf die Häuser der Nachbarn.
00:04:06: Plötzlich zerrissen schreihe die Stille.
00:04:09: Frauen alten mit Krügen zum Fluss, doch ihr Wasser war nur ein Tropfen gegen den Hunger der Flammen.
00:04:14: Drei Häuser branden lichterloh bis nur noch rauchende, schwarze Mauern aus Lehm in den Himmel ragten.
00:04:20: Unser Haus blieb verschont denn der Wind trug die Glut von uns fort.
00:04:24: Aber das Unglück wiegt schwer.
00:04:26: Das gesammelte Korn der drei Familien ist zu schwarzer Asche verbrannt und was noch viel schwerer wiegt Der alte Oreck, der im ersten brennenden Haus schlief, fand den Weg nicht mehr ins Freie.
00:04:36: Gestern gaben wir Oreck der Erde zurück.
00:04:39: Wir weinten nicht laut – wir hüllten uns in Stille!
00:04:42: Die Imerna brachen den verkohlten Boden seiner Ruine auf und gruben ein tiefes Loch darunter.
00:04:47: Sie legten Oreck hinein ganz eng zusammengerollt so wie meine kleine Schwester Elu im Schlaf liegt bevor sie erwacht.
00:04:54: Sie gaben ihm einen der scharfen, schwarzen Steine aus den fernen Bergen mit auf seinen Weg in die Dunkelheit, deckten ihn mit Erde zu und stampften frischen Leben darüber.
00:05:03: Sein Haus wird niemand mehr bewohnen – es gehört jetzt Oreck allein!
00:05:07: Doch die Lebenden müssen essen.
00:05:09: Die drei Familien haben alles verloren.
00:05:12: Da mein Vater Coru ein großer Jäger-und Krieger ist und unsere Körbe schwer von den Vorräten sind, sprach er am großen Feuer zu allen.
00:05:19: Er sagte, dass Hunger kein Gast in unserem Dorf sein darf solange noch Getreide vorhanden ist.
00:05:25: Er öffnete unsere Vorratskammer und teilte das Korn.
00:05:28: Damit unsere eigenen Vorräte ausreichen, erhielt mein Bruder Taran heute schon einen Speer – früher als die Zeit es vorsah.
00:05:35: Er ist mit Vater-und anderen Männern aufgebrochen um im Norden den Wildrinder nachzustellen.
00:05:40: Meine Mutter und Nala suchen nun vom ersten Licht bis zur tiefen Dunkelheit nach wilden Nüssen und Wurzeln in Wald.
00:05:46: Die i anderen Familien müssen ihre Häuser neu errichten.
00:05:50: Gestern beobachtete ich wie die Männer stöhnen versuchten einen gewaltigen Baumstamm für ein neues Dach herbeizuziehen.
00:05:56: Sie zerrten mit aller Kraft an den Seilen, doch der Stamm grob sich tief in den Staub und bewegte sich kaum von der Stelle.
00:06:03: Ich saß mit Elu am Ufer und spielte mit runden glatten Ästen, die das Wasser angespült hatte.
00:06:08: Als ich mich versehentlich auf einen der Äste stützte, rollte er unter meiner Hand weg – und ich fiel in den Sand!
00:06:14: Da traf' mich ein Gedanke so blitzschnell und hell wie ein Funke.
00:06:18: Ich holte drei kleine, glatte Äste die alle etwa die gleiche Dicke besaßen von dem Ort an den wir das Holz für unser großes Feuer lagern.
00:06:27: Dann lief ich zu den schwitzenden Männern und ich bat Karun einen der Männer dessen Heim den Flammen zum Opfer gefallen war das schwere Holz an einer Seite anzuheben.
00:06:35: Da ich der Sohn des großen Korubin und die Menschen wissen dass mein Geist oft helle Wege findet tat er worum ich gebeten hatte.
00:06:43: Während er hob schob ich den ersten der runden Äste quer darunter.
00:06:47: Dann platzierten wir einen weiteren in der Mitte.
00:06:49: Als die Männer nun erneut zogen, geschah ein Wunder.
00:06:52: Der Balken rieb nicht mehr am harten Boden Er rollte über die Äste hinweg.
00:06:57: Es war so leicht als würde das schwere Holz auf dem Land schwimmen.
00:07:01: Während ich heute hier sitze und diesen Gedanken im meinem Kopf versiegle wandert mein Geist bereits weiter.
00:07:06: Was wäre wenn man diese runden Hölzer nicht immer wieder vorne neu unterlegen müsste?
00:07:12: Wenn man dünne Scheiben von einem großen Stamm schneidet und sie fest an die Enden eines Holzes steckt, und das Ganze dann unter einem schweren Korb befestigt.
00:07:20: Die Scheiben könnten sich drehen und die Last für immer tragen!
00:07:24: Ich muss Bero fragen ob er Steine schlagen kann, die scharf genug sind um solch kreisrunde Scheiben aus dem harten Holz zu schneiden.
00:07:31: Drittes Gedächtnisprotokoll Mein Kopf ist wieder voll vom neuem Leben den ich ordnen muss.
00:07:41: Als die Schatten am kürzesten waren und selbst die Fliegen müde wirkten, nahm ich Elu auf den Rücken und ging zu Bero.
00:07:47: Der alte Steinschläger saß wie immer im Schatten einer großen Zeder.
00:07:50: Um ihn herum lagen Splitter Die ihm Licht glitzerten Wie Wassertropfen.
00:07:55: Ich hockte mich zu ihm in den Staub Während Bero nur brummte.
00:07:58: Er mag Kinder nicht Weil sie laut sind Und seine Ordnung durcheinander bringen Doch ich bin nicht laut.
00:08:04: Bero sagte ich So, wie du Fleischscheiben von der Keule trennst.
00:08:14: Er hielt inne, sein Geweichlegel verharte über dem Feuerstein – er sah mich aus schmalen Augen an!
00:08:20: Holz ist kein Fleisch, Jaru, warum willst Du Holz in Scheiben schneiden?
00:08:25: Ich kratzte mit einem Zweig ein Bild in den Staub und erklärte ihm, wie die Männer die runden Stämme unter den neuen Dachbalken gerollt hatten.
00:08:32: Dann zeichnete ich meine Gedanken Zwei dicke Holzscheiben In der Mitte jeweils einen Loch verbunden durch einen geraden glatten Stock.
00:08:40: Darauf ein Korb.
00:08:42: Bero starte auf die Linien im Staub, sein Mund stand leicht offen.
00:08:46: Er ist alt und sehr klug Und er verstand Es würde nicht am Boden reiben Flüsterte er mehr zu sich selbst.
00:08:52: es würde immer weiter rollen.
00:08:54: Dann lachte er und des Klang als würde man groben Sand zwischen zwei flachen Felsen zerreiben.
00:09:00: Er kramte in seinem Beutel und holte einen faustgroßen dunklen Feuerstein hervor.
00:09:05: Mit schnellen harten Schlägen formte er eine Kante so scharf und gerade wieder horizontal.
00:09:10: Er gab mir das Werkzeug nicht, meine Hände sind noch zu klein.
00:09:14: Sondern nahm sich einen dicken trockenen Ast der in der Nähe lag.
00:09:17: Den ganzen Nachmittag saßen wir dort.
00:09:20: Bero hackte scharpte und schwitzte.
00:09:22: Es war eine mühsame Arbeit.
00:09:24: Das Holz wollte in langen Fasern splittern statt flach zu bleiben.
00:09:28: Am Ende hatten wir doch zwei Scheiben.
00:09:31: Sie waren nicht rund eher wie unförmige Fladenbrote.
00:09:34: Mit einem spitzen Bohrer aus Schwarzem Stein trieben wir Löcher in die Mitte.
00:09:38: Ich fand einen geraden Haselnusszweig und steckte ihn hindurch.
00:09:42: Dann stellte ich einen kleinen Korb, in dem Nala Beeren gesammelt hatte auf den Zweig zwischen die beiden Scheiben.
00:09:48: Ich gab ihm einen Stoß – er rollte!
00:09:50: Er eierte und häuperte zwar aber er rollt über den festen Lehmboden ohne dass sich ihn tragen musste.
00:09:56: Elu quitschte vor Freude und griff danach.
00:09:59: Ich sah Bero an und erwartete das er triumphieren würde doch der alte Mann schüttelte langsam den Kopf.
00:10:05: seine Hände bluteten an zwei Stellen.
00:10:08: Es kommt eine große Magie aus deinem Kopf, kleiner Yaru, sagte Bero Leise.
00:10:13: Aber sieh dir meine Hände an!
00:10:15: Für diesen winzigen Korb habe ich den halben Tag gebraucht.
00:10:18: Wenn dein Vater die Wildrinder darauflegen will wie groß müssten diese Scheiben dann sein?
00:10:23: So hoch wie du?
00:10:24: Er deutete auf die gewaltigen dicken Bäume am Fluss.
00:10:28: Um solche Scheiben aus diesen Stämmen zu schneiden bräuchten zehn Männer viele Munde Und beim ersten harten Schlag auf das Runde Holz würde es genau dort brechen, wo die Linien im Baum verlaufen.
00:10:39: Unsere Schwarzen Steine sind mächtig – Jaru!
00:10:42: Aber sie sind noch zu schwach um den großen Bäumen solche Kreise abzuzwingen.
00:10:47: Bero nahm den kleinen rollenden Korb und gab ihn Elu zum Spielen.
00:10:51: Ich verstand ihn sofort.
00:10:52: Mein Gedanke war richtig Das Rollen war besser als das Tragen Aber die Welt um uns herum, die gewaltigen Bäume und unsere spröden Werkzeuge sind noch nicht bereit für diesen Gedanken.
00:11:03: Wenn ich älter werde wird wichtigeres meinen Kopf füllen Und wenn Elu den kleinen Korb im Schlamm verliert und er verrottet wird diese Magie wieder verschwinden.
00:11:12: Niemand wird die Zeit haben mühsam große Scheiben aus Holz zu hacken Solange der Magen knurt und das Korn auf dem Feld wartet.
00:11:19: aber in meinem Kopf, in meinem stillen Raum da bewahre ich es auf Da rolltes weiter.
00:11:25: Viertes Gedächtnisprotokoll.
00:11:27: Ich grabe ein neues Loch in meinem Kopf für diese Worte, denn mein Denken ist wie nasser Leben.
00:11:32: Ich forme die Sätze und überprüfe sie bis sie unzerstörbar hinter meinen Augen liegen.
00:11:37: Gestern stand die Sonne schon tief als das Heulen der Hunde begann.
00:11:41: Mein Bruder Taran ist von der Jagd zurückgekehrt.
00:11:44: Er humpelte und an seiner Schulter klebte getrocknetes Blut doch er wirkte größer.
00:11:54: Die Jäger schleiften Holzschlitten herbei, beladen mit Fleischstücken und gewaltigen Hörnern.
00:11:59: Sie hatten ein Wildrind erlegt.
00:12:01: Später am großen Feuer erzählte Taran dass das Tier so groß wie eine kleine Hütte gewesen sei und der Boden bebte wenn es schnaubte.
00:12:08: Bevor das Fleisch verteilt wurde geschah etwas Wichtiges.
00:12:11: die Männer legten den riesigen blutigen Schädel des Rinds in die Mitte.
00:12:15: Unser Vater Koru streute rotes Pulver darüber und murmelte Worte des Dankes.
00:12:20: Wir glauben nicht an unsichtbare Herrscher im Himmel.
00:12:23: Wir glauben, dass alles atmet der Fluss, das Feuer, der Wind und das Tier.
00:12:28: Der Geist des großen Rindes hat seinen Körper freigegeben damit wir leben können.
00:12:32: Vater sagt wenn wir dem Geist nicht danken warne er die anderen Herden Und wir müssten hungern.
00:12:38: Außerdem wachen die Schlafenden über uns.
00:12:41: So wie der alte Orek nun unter seinem verbrannten Haus liegt ruht der Vater meines Vaters direkt unter unserer Feuerstelle.
00:12:47: Manchmal, wenn Mutter Fladen backt, drückt sie kleine Krumen in die feinen Risse des Lebenbodens.
00:12:53: Das ist für die Ahnen!
00:12:54: Sie stützen unsere runden Häuser von unten und halten das Feuer warm.
00:12:58: Heute Morgen rocht der Wind anders.
00:13:01: Fremde Männer kamen aus dem Norden zu uns.
00:13:03: Sie sahen aus wie müde Wölfe, gehüllt in dicke Fälle unbekannter Tiere Und sie rochen nach fremdem Rauch.
00:13:10: Sie sprachen nicht unsere Worte sondern stießen kratzende Laute aus und redeten viel mit den Händen.
00:13:15: Es waren keine Feinde, denen sich mein Vater mit dem Speer entgegenstellen musste.
00:13:20: Sie brachten schwere Ledersäcke mit und als sie diese öffneten funkelte es darin wie dunkles Wasser – ungeschlagene Blöcke aus scharfem, schwarzem Stein aus den Fernenbergen.
00:13:30: Der alte Steinschläger Bero prüfte jeden Block genau und nickte meinem Vater schließlich zu.
00:13:35: Dann brachten die Frauen unsere vollen Körbe mit Getreide- und getrockneten Feigen herbei.
00:13:39: Ich saß mit Elu im Staub und rechnete in meinem Kopf alles nach.
00:13:43: ich verstand den Tausch genau.
00:13:45: Die Fremden besitzen harte Steine, doch Steine machen nicht satt.
00:13:49: Wir haben das weiche Korn – aber ohne die Steine können wir es nicht ernten!
00:13:53: Also geben wir ihnen Essen zum Leben und sie geben uns Magie zum Schneiden.
00:13:57: Als die Fremde abzogen, trugen sie unsere Körper auf den Rücken Und Bero saß im Schatten und lächelte.
00:14:03: Fünftes Gedächtnisprotokoll Ich forme die neuen Worte stumm in der Dunkelheit und drücke sie tief in dem nassen Lehm meines Kopfes bis sie fest werden.
00:14:12: Kein Gedanke darf entfliegen.
00:14:14: Die I-Sonne war längst untergegangen.
00:14:16: Wir saßen mit den Nachbarn draußen vor den runden Lehmhütten am großen Feuer, es gab gerüstetes Fleisch und süße Feigen.
00:14:23: Die Männer sprachen laut – sie erzählten von der wilden Jagd auf die riesigen Rinder und von bösen Geistern, die im Heulen des Windes flüstern und kleine Kinder in den Fluss ziehen wollen.
00:14:33: Dabei tranken sie aus großen, rundentrögen.
00:14:35: eine dicke, schäumende Flüssigkeit!
00:14:38: Meine Mutter bereitet sie aus zerstoßenem Korn und Wasser zu, daß sie viele Tage lang stehen lässt bis es säuerlich riecht und blasen wirft.
00:14:45: Wenn die Männer davon trinken werden ihre Augen feucht, ihre Stimmen dröhnen laut in die Nacht Und Sie lachen über Dinge, die nicht lustig sind.
00:14:53: Ich lehnte an der warmen Wand unseres Hauses und schlief schließlich ein.
00:14:57: Als ich aufwachte, zitterte ich.
00:14:59: Es war kalt geworden.
00:15:01: Das große Feuer war erloschen.
00:15:03: Nur noch graue Asche und eine schwache sterbende Glut waren übrig.
00:15:07: Ich zog mir ein dickes Wolfsfell eng um die Schultern und legte den Kopf in den Nacken.
00:15:11: Der Himmel war pechschwarz, denn der Mond hielt sein Gesicht in dieser Nacht völlig verborgen.
00:15:16: Doch der Himmel War nicht leer – er war voller Licht!
00:15:19: Es waren so viele helle, funkelnde Punkte das nicht einmal alle Menschen in unserem Dorf sie an ihren Fingern abzählen könnten.
00:15:26: Sie waren zahlreicher als die Körner in unseren vollen Kurben.
00:15:29: Quer über da schwarz zog sich ein leuchtender, milchiger Schleier wie feiner Staub ,der im Sonnenlicht tanzt.
00:15:35: Obwohl ich erst fünf Sommer zähle und schweigen muss, wenn die älteren ruhen, konnte ich die Worte nicht länger zurückhalten.
00:15:42: Einige Männer saßen noch stumm- und schwerfällig bei der Asche.
00:15:45: Was sind diese Lichter?
00:15:46: fragte ich in die Dunkelheit hinein.
00:15:49: Der alte Jäger kehldrehte langsam den Kopf zu mir.
00:15:52: Er roch stark nach dem sauren Korngetränk.
00:15:55: Das sind Sterne.
00:15:56: Es sind die funkelnden Augen der Nachtwölfe.
00:15:58: Kleiner Jaroo brumpte er heiser Die großen Ahnen jagen dort oben im Dunkeln Und der weiße Staub Das ist das Mehl, dass die Himmelsfrauen verstreut haben, damit die Jäger im Dunkeln den Pfad zum großen Wasser finden.
00:16:10: Er brummte leise und schloss die Augen wieder.
00:16:12: Ich sah wieder nach oben.
00:16:14: Die Augen von Wölfen?
00:16:16: Mehlstaub?
00:16:17: ich spürte wie sich in meinem Kopf etwas zusammenzog als würde ein Stein nicht in einen Loch passen.
00:16:23: Da stimmte Nicht!
00:16:24: Wölfe blinzeln Und ihre Augen leuchten nur wenn das Feuer sich darinspiegelt.
00:16:29: Aber das Feuer war aus.
00:16:30: Diese Lichter strahlten stetig und kalt aus sich selbst heraus Und Mehl weht im Wind davon, aber dieses leuchtende Bann stand völlig still und fest als wäre es in die Schwerze gemeißelt.
00:16:41: Ich dachte an die großen Adler, die hoch über den fernen Bergen kreisen – ob sie wohl hoch genug fliegen könnten?
00:16:48: Ob Sie nah genug an diese Lichter herankehmen um zu sehen was sie wirklich sind?
00:16:53: Ich wusste nicht, was die Sterne waren Aber tief in mir, in dem stillen Raum hinter meinen Augen, wusste ich genau.
00:16:59: der alte Kehl erte sich.
00:17:01: Die Illichter waren keine Tiere und kein Mehlstaub der Ahnen.
00:17:05: Sie waren etwas anderes, etwas viel größeres das weiter weg war als mein Verstandes fassen konnte.
00:17:11: Und an diesem Abend beschloss ich dass sich es eines Tages herausfinden würde Sechstes Gedächtnisprotokoll.
00:17:18: Ich drücke neue unfassbare Bilder tief in den nassen Lehm meines Kopfes auch wenn sie so gewaltig sind dass sie ihn fast sprengen!
00:17:25: Ich zwinge mich dazu kein einziges Detail zu verlieren.
00:17:29: Seit jenem Abend unter den Sternen war genau ein Mond vergangen.
00:17:32: Mein Vater hatte Taran nun häufiger mit auf die Jagd genommen und sie kehrten stets mit reicher Beute zurück.
00:17:38: Es schien gewiss, dass niemand in unserem Dorf in dieser Zeit hungern müsste.
00:17:42: An jenim denkwürdigen Abend versankt die Sonne glühend rot am Horizont als wollte sie das ganze Land im Brand setzen.
00:17:49: Bald schon würde die Nacht ihre schwere dunkle Decke über die Erde ausbreiten.
00:17:54: Der Mond verbarg auch diesmal sein Gesicht und schenkte uns kein Licht zum Schutz.
00:17:58: Es war die dunkle Zeit, in der nach dem Glauben der Älteren die Dämonen wandeln.
00:18:02: Nur während des Tages wachte die Sonne über uns und hielt die bösen Mächte fern.
00:18:06: Als die Finsternis hereinbrach und dicke Wolken das schwache Licht der Sterne verdeckten, saß ich still vor unserer Lehmhütte und hing meinen Gedanken nach.
00:18:14: Mein Vater ermahnte mich oft – Ich solle nicht zu viel nachdenken, damit ich nicht so wunderlich werde wie der Vater meines Vaters!
00:18:21: Über meinen Großvater flüsterte man sich im Dorf noch immer seltsame Geschichten zu.
00:18:25: Er pflegte von Dingen zu sprechen, die sonst niemand begriff.
00:18:29: Tief in mir spüre ich, dass ich ihm sehr ähnlich bin.
00:18:32: Obwohl meine Eltern beide klug sind, galt er als der weiseste Mann unserer Gemeinschaft.
00:18:37: Plötzlich zerschnitt ein Licht die drückende Finsternis.
00:18:40: Zuerst dachte ich zwei Sterne brechen durch die dichte Wolkendecke doch glanzschwoll stetig an und wurde bedrohlich groß.
00:18:47: Das konnten keine Sterne sein.
00:18:49: Es wirkte wie ein fliegender Dämon mit feurigen Augen Der aus dem Himmel herab stürzte.
00:18:54: Das grelle Ungeheuer hielt direkt auf unser Dorf zu.
00:18:57: Überall um mich herum schrien die Menschen und randen um ihr Leben.
00:19:00: Meine Beine fühlten sich an, als wären sie zu Stein erstarrt.
00:19:04: Doch ich bin der Sohn meines Vaters – und meine Neugier war in diesem Moment mächtiger als meine Furcht!
00:19:10: Als der Dämon den Boden berührte wurde es unheimlich still.
00:19:14: Lautlos stiegen zwei Wesen aus seinem Bauch.
00:19:16: Sie sahen nicht aus wie wir Menschen.
00:19:18: In meinem Kopf formte sich das Wort Götter.
00:19:21: Zwar verehrte unser Dorf keine Götter, doch weit gereiste Händler hatten am Feuer manchmal von ihnen berichtet unvorstellbar mächtige Wesen stärker als jeder Geist.
00:19:30: Die i beiden Gestalten waren in Gewänder gehüllt die so strahlen weiß wie frisch gefallener Schneeleuchteten.
00:19:36: Sie trugen weder Speere noch Keulen bei sich während sie sich mir langsam beinahe zögern näherten.
00:19:42: Trotz meiner Erstarung bügte ich mich und umklammerte einen schweren Feuerstein den der alte Bero hatte liegen lassen.
00:19:48: Ich spannte jeden Muskel an fest entschlossen, diesen Stein dem Ersten der Wesen entgegenzuschleudern.
00:19:54: Doch genau in diesem Wimpernschlag geschah das Unmögliche!
00:19:57: Einer der Götter sprach mich plötzlich in unserer eigenen Sprache an – Keine Angst, Menschenkind Wir haben dich auserwählt, halte es laut Du wirst uns helfen und ein besseres Leben führen als du es dir jetzt erträumen kannst.
00:20:11: Du kommst mit uns.
00:20:12: Bevor ich den Stein werfen oder auch nur einen Schritt zurückweichen konnte wurde ich von etwas Unsichtbarem getroffen.
00:20:19: Es war nicht der harte Schlag einer Keule, sondern eine allesverschlingende dunkle Welle.
00:20:24: Meine Glieder wurden augenblicklich weich und kraftlos – Der Stein entglitt meinen Taubenfingern!
00:20:30: Ich stürzte haltlos zu Boden Und versank in tiefem Schlaf.
00:20:33: Als ich meine Augen blinzelt wie der Aufschlug War meine vertraute Welt restlos verschwunden.
00:20:38: Ich fand mich auf einem Lager wieder Dass sich weicher-und wärmer anfühlte als das dichteste Wolfsfell.
00:20:44: Es schmiegte sich eng an meinem Körper Fast so, als wollte es mich sanft aber bestimmt festhalten.
00:20:50: Für einen Moment presste ich die Lieder fest zusammen und hoffte inständig, der kalte Wind unseres Flussuvers würde mich jeden Moment wecken und all dies als bösen Traum entlarven.
00:20:59: Doch dann drangen Geräusche an meine Ohren – das helle, neugierige Kichern und das lebendige Geplapper anderer Kinder in einer Sprache, die ich nicht verstand.
00:21:07: Ruckartig setzte ich mich aufrecht hin!
00:21:10: Ich befand mich in einer Höhle doch sie war weder in den Fels geschlagen noch in die Erde gegraben.
00:21:15: Sie roch nicht nach Muder oder Feuchter Erde.
00:21:18: Ihre Wände waren ebenmäßig und glatt wie die Oberfläche eines stillen Sees, und sie strahlten in einem Weiß das an der Sonne gebleichte Knochen erinnerte.
00:21:26: Über mir – an der flachen Decke – leuchtete eine kleine kalte Sonne.
00:21:31: Sie verströmte keine Hitze und flackerte nicht wie unser heimisches Feuer doch sie erhält den Raum mit einem grellen Licht.
00:21:37: Einer der Götter trat lautlos am Lager heran.
00:21:40: Seine Worte wirkten ruhig und freundlich!
00:21:43: Ich bin jetzt für euch Kinder
00:21:44: da.".
00:21:45: Wir werden euch erziehen und euch wunderbare Dinge lehren.
00:21:48: Ein heißer, beißender Schmerz stieg tiefe meiner Kehle auf als ich an die winzige Elu, an das Gesicht meiner Mutter und am ein Zuhause am Fluss dachte.
00:21:57: Tränen rannen über meine Wangen!
00:21:59: Aber ich bin der Sohn eines mutigen Jägers.
00:22:01: Trotzig presste ich die Lippen aufeinander, verbarg mein Gesicht und zog mir das fremde Fell meines Lagers schützend über den Kopf.
00:22:08: Der Gott kniete sich neben mich und griff sanft nach meiner Hand.
00:22:11: Seine Haut war kühl, trocken und seltsam glatt.
00:22:15: Er nahm meine Finger und legte sie fest in seine eigene Hand.
00:22:18: Kleines Menschenkind, halte seine Stimme erneut in mir.
00:22:22: Ab sofort trägst du den Namen Guta Erin.
00:22:25: Das bedeutet in unserer Sprache mutiger Mensch.
00:22:28: Morgen beginnt für dich und deine neuen Kameraden die Ausbildung.
00:22:32: Siebtes Gedächtnisprotokoll.
00:22:34: Der nächste Morgen begann ohne das vertraute Atmen der feuchten Erde Und ohne einen echten Sonnenaufgang.
00:22:39: Es gab nur das plötzliche, grelle Licht jener kalten Sonne die an der weißen Decke befestigt war.
00:22:45: Man führte mich zusammen mit unzähligen anderen Kindern in eine riesige Höhle, die fast doppelt so groß war wie unser Dorfplatz am großen Fluss.
00:22:52: Überall sah ich fremde Gesichter.
00:22:54: Einiger hatten einer Haut – so dunkel wie die Erde an unserem Ufer.
00:22:58: Andere waren blass wie der Bauch eines Fisches.
00:23:01: Die Höhle war erfüllt von einem orenbetäubenden Lärm aus weinen und furchtsamen Geplapper, doch die Worte der anderen Klangen in meinen Ohren nur wie das bedeutungslose Kreischen aufgescheuchter Vögel.
00:23:11: Dann traten jene Wesen in den Raum – die ich anfangs für Götter gehalten hatte – sie nannten sich selbst Ortess.
00:23:17: Ein Orti führte mich mit seiner kühlen seltsam glatten Haut zu einen Block, der wie Stein aussah aber weich nachgab als ich mich darauf setzte.
00:23:25: Er trat lautlos hinter mich und legte mir einen kühlem Ring auf dem Kopf.
00:23:29: Er war aus Metall wie später erfuhr.
00:23:32: Was im nächsten Moment geschah, war keine sanfte Magie unserer Ahnen.
00:23:36: Es war ein gewaltsamer tobender Sturm in meinem Geist.
00:23:39: Die Ortes nannten es Mentalschulung.
00:23:42: Es fühlte sich an als würde jemand einen reißenden Fluss Aus unsichtbaren Wasser direkt in meinen Kopf leiten.
00:23:48: Mein Verstand der mir bisher Wie weicher nasser Lehm vorgekommen War wurde förmlich Weggespült und In rasender Geschwindigkeit neu geformt.
00:23:56: Fremde laute Unbekannte Bilder und die Struktur einer völlig neuen Sprache hemmerten unablässig auf mein Bewusstsein ein.
00:24:03: Als der Ortie den Ring schließlich abnahm, schnappte ich keuchend nach Luft.
00:24:07: Neben mir saß ein fremdes Mädchen dem Tränen über die Wangen liefen.
00:24:11: Ich sah sie an – und ohne dass sich die Worte vorher wie eine Kette aus Knochenperlen stumm prüfen musste, öffnete ich den Mund.
00:24:19: «Fürchte dich nicht!« sagte ich.
00:24:22: Meine Zunge formte mühelos harte schnelle und präzise Laute.
00:24:26: Es war nicht die vertraute Sprache meines Vaters Kuru, doch das Mädchen riss die Augen auf und verstand mich sofort.
00:24:32: Alle Kinder – so unterschiedlich wir auch waren – sprachen und verstanden nun dieselbe Sprache.
00:24:37: In den folgenden Wochen wurde dieses neue Wissen in uns vertieft als hätten wir nie anders gesprochen.
00:24:43: Mein Geist begann sich unauffaltsam zu verändern.
00:24:46: Die rohen Bilder von Wildrindern- und Schwarzen Steinen traten in den Hintergrund.
00:24:50: An ihre Stelle tratten klare Regeln.
00:24:52: Das System der Ortess duldete keine Lücken.
00:24:55: Auf einen Tag intensiver Mentalschulung folgten drei Tage der Anwendung und am fünften Tag die Prüfung.
00:25:00: Nur der sechste Tag gehörte uns, um unsere müden Geister ruhen zu lassen.
00:25:05: Es war ein perfekt ineinandergreifendes System.
00:25:08: Wer dreimal versagte wurde aus dem Kreislauf entfernt und für einfache Aufgaben geschult.
00:25:13: Nachdem wir die Sprache beherrschten lehrten sie uns lesen und schreiben.
00:25:17: Ich begriffe dass man Gedanken nicht nur im stillen Raum hinter den Augen bewahren muss sondern Sie als Zeichen dauerhaft sichtbar machen kann.
00:25:25: Danach öffnete man uns das Tor zur Mathematik.
00:25:28: Wir lernten die Grundrechenarten, bis wir sie perfekt beherrschten.
00:25:32: Meine Welt bestand nicht mehr nur aus den fünf Fingern meiner Hand.
00:25:35: Mein Geist ist nicht mehr der eines ungebildeten Kindes des Flussuvers.
00:25:39: Die Mental-Schulungen haben ihn geschärft, gnadenlos erweitert und auf unnatürliche Weise erwachsen gemacht.
00:25:45: Alles was ich bisher her niedergeschrieben habe entstammt meinem Gedankenprotokoll jenen kindlichen Erinnerungen, die ich mühsam bewahrt hatte.
00:25:53: Doch nun Da ich das Werkzeug des Schreibens beherrsche, bedarf es dieser Anstrengung nicht mehr.
00:25:59: Ich werde von nun an ein schriftliches Protokoll führen um mein neues Leben präzise und objektiv zu
00:26:04: dokumentieren.".
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